Ostseestadion Blog

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Märchen aus 630 und einer Umnachtung

Rotkäppchen und der Wolf – ein Gerichtsfall früher und heute
Die glorreiche Entwicklung unserer Sozialen Gerechtigkeit

Im Jahre 1962:
Nachdem der Jäger Rotkäppchen und seine Großmutter aus dem Bauche des Wolfes befreit hat, ruft die Großmutter die Polizei, welche den Wolf gefangennimmt und in Untersuchungshaft verbringt.
In der eine Woche später darauf stattfindenden Gerichtsverhandlung wird der Wolf – nach Anhörung aller Beteiligten – wegen versuchten Mordes in zwei Fällen (in Tateinheit mit arglistiger Täuschung) sowie versuchten Raubes des Picknickkorbes schuldig gesprochen und zu fünf Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt.
Kosten der Gerichtsverhandlung:553.- Deutsche Mark.
Der Wolf stirbt zwei Tage vor seiner Entlassung als reuiger Sünder. Während seiner Haft hat er sein Privatvermögen testamentarisch jeweils zur Hälfte einem Altersheim und einer Stiftung für bedürftige Waisen vermacht, und außerdem eines der ersten Bücher über die Vorteile vegetarischer Ernährung verfaßt.

Im Jahre 2013:
Der Wolf beschimpft bei seiner Verhaftung die Polizisten als Nazis, beißt einem Beamten zwei Finger ab und zerfleischt das Geschlechtsteil eines anderen. Eine halbe Stunde später wird der Wolf auf Kaution freigelassen. In den drei Monaten, die bis zur Gerichtsverhandlung vergehen, frißt er dreiundzwanzig Schafen aus Bio-Freilandhaltung und außerdem Rotkäppchens Mutter, Rotkäppchens Hasen sowie die Katze, wühlt den Garten um und zerbeißt die Autoreifen der gesamten Nachbarschaft.
Zu Beginn der Gerichtsverhandlung verweist der Wolf auf seinen Status einer bedrohten Minderheit, welcher durch die Berner Konvention sowie durch die FFH-Richtlinien verbrieft sei und welcher ihm besonderen Schutz vor jeglicher Art von Übergriffen gewähre.

Des weiteren seien die Anschuldigungen Rotkäppchens und seiner Großmutter als intolerante, rassistische, fremdenfeindliche Hetze zu verstehen, da sie sich auf seine andersartige Herkunft und Lebenskultur beziehen würden. Ein Härteantrag wegen seines Migrationshintergrundes (sein angestammtes Revier mußte er verlassen,weil er von Bären verfolgt worden war) wird im Eilverfahren auf den Weg gebracht.

Zudem erhebt der Wolf Gegenklage gegen den Jäger, der ohne seine Erlaubnis einen chirurgischen Eingriff vornahm und sich somit der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht habe.
Die Gerichtsverhandlung wird vertagt, der Jäger wird verhaftet. Die Einwände des Wolfes werden von drei unabhängigen Expertenkommisionen geprüft. Der Wolf wird auf freien Fuß gesetzt. Er verschlingt unmittelbar danach die Hälfte der Wintervorräte von Rotkäppchens Großmutter.
Rotkäppchen, das mittlerweile bei seiner Großmutter lebt und nunmehr mit minimalen Essensrationen über den Winter kommen muß, wird vom Sozialamt dem Psychiater vorgeführt, der sich um die augenfällige Magersucht des Mädchens kümmern soll.
Der Großmutter wird das Sorgerecht entzogen, weil sie sich nach übereinstimmender Expertenmeinung nicht angemessen um die Ernährung des Kindes kümmert.
Bei der Wiederaufnahme der Gerichtsverhandlung wird den Einwänden des Wolfes vollumfänglich stattgegeben. Der Angeklagte wird freigesprochen.
Gegen Rotkäppchen und seine Großmutter wird vom Staatsanwalt Anzeige wegen Diskriminierung und Volksverhetzung erhoben. Beide verkünden ihren Entschluß, in Berufung zu gehen.
Der Wolf frißt unverzüglich die Hälfte der noch verbliebenen Wintervorräte der Großmutter.
Die deshalb erhobene Anzeige wird wegen Geringfügigkeit eines durch Notlage bedingten Mundraubes sofort niedergeschlagen. Der Staatsanwalt erhebt auf massiven Druck von Greenpeace eine weitere Anklage gegen die übrigen Revierförster, die sich nicht angemessen um die Winterfütterung des Wildes kümmern. Die sofortige Verdoppelung der ausgelegten Fütterungsmengen führt zu enormen Flurschäden durch die ungewöhnlich
starke Wildpopulation. Experten führen die Schäden an der Flora jedoch auf CO2 -Emissionen und den Klimawandel zurück.

Aufgrund ihres Gutachtens werden die Steuern auf die Verarbeitung von Rohstoffen aller Art um 35,8% erhöht; das EU-Parlament beruft eine weitere Expertenkommission ein, welche die Quote für neue Strafzölle festlegen soll, welche Klimasündern ab sofort zusätzlich auferlegt werden. Hierzu gehören auch furzende Schafe, schnarchende Murmeltiere und atmende Kinder, deren Vermögen ab sofort vom Staat verwaltet wird. All dies dient laut Pressemitteilung der Sicherheit des empfindlichen Ökosystems und der Gesellschaft.
In der Berufungsverhandlung stellt die Richterin fest, daß es sich bei der angeklagten Kreatur nicht um einen Wolf, sondern um eine Wölfin handelt. Eine genaue Untersuchung ihrer Biographie durch eine psychologische Expertinnenkommission legt offen, daß das arme Tier unter einer massiven psychischen Störung wegen eines unerfüllten Kinderwunsches leidet und daß sie von einem früheren männlichen Partner mehrfach sexistisch belästigt worden war.
Das Verschlucken eines Kindes und seiner Großmutter sei also ein verständlicher Akt der Kompensation gewesen, der verminderte Schuldfähigkeit begründen würde, so das Gutachten der Kommission. Die Richterin verfügt den erneuten Freispruch für die Wölfin sowie die Gewährung eines erstklassigen und staatlich subventionierten sechsmonatigen Rehabilitationsprgrammes auf den Malediven.
Gleichzeitig werden Rotkäppchen und seine Großmutter zu einer Geldstrafe von hundert Tagessätzen sowie acht Monaten Haft (auf Bewährung) wegen seelischer Grausamkeit gegenüber einem sozialen Opfer verurteilt.
Die Strafe für den Jäger wird auf sechs Jahre festgelegt – wegen Körperverletzung, Bedrohung einer gefährdeten Art und Amtsanmaßung. Während der Haft hat er zweihundert Stunden gemeinnützige Arbeit in einer Nähstube abzuleisten.
Die Großmutter stirbt auf dem Weg nach Hause an Entkräftung. Sie wird posthum zu einer weiteren Geldstrafe wegen Simulation und Irreführung der Behörden verurteilt. – Das Rotkäppchen gerät aufgrund von Nebenwirkungen der ihr wegen Magersucht und Bulimie verabreichten Psychopharmaka in einen Ausnahmezustand, entreißt einem Polizisten die Waffe, erschießt die Richterin, ihren Onkel mütterlicherseits und verfehlt nur knapp seinen eigenen Kopf.

Seither ist Rotkäppchen in Obhut eines Sanatoriums, das von Novartis gesponsert wird.
Kosten des Verfahrens: 16.749,37 EUR
Honorare für Experten: 269.339,42 EUR
Kosten der Reha für die Wölfin: 24.557,86 EUR
Bereinigung der Flurschäden: 157.000.- EUR (geschätzt)
Beerdigung der Großmutter: 1.146,23 EUR
Therapie für Rotkäppchen (bisher):69.548,99 EUR

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14. Januar 2014 - Posted by | Uncategorized

5 Kommentare »

  1. Super, Applaus, Applaus,
    aber die Text-Konvertierung stimmt nicht so gans
    😉

    Kommentar von Blond | 14. Januar 2014 | Antwort

  2. Das ist so Klasse. Selbst getöpfert?

    Kommentar von Karl Eduard | 16. Januar 2014 | Antwort

  3. Es kam per Mail
    Habs nur kopiert.

    Kommentar von ostseestadion | 16. Januar 2014 | Antwort

  4. Klasse! 🙂

    Kommentar von Lux | 17. Januar 2014 | Antwort

  5. Hat dies auf Die Killerbiene sagt… rebloggt.

    Kommentar von ki11erbee | 25. Januar 2014 | Antwort


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